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ei Besucherinnen betrachten "verbotene Frauenakte" von Elena Röther

Cellesche Zeitung, Dienstag, 5. Oktober 2006

Mit Pinsel und Farbe innere Ganzheit erleben
Kunstschaffen als Prozess der Selbsterfahrung

Ausstellung "Aspekte" des Instituts für Kunst und Therapie im Rathaus Nienhagen

von Aneka Schult

NIENHAGEN. Kunst schaffen ist immer auch ein Prozess der Selbsterfahrung. Dies entdeckte die Psychotherapie für sich. Interessanterweise ist es Anna, die Tochter von Sigmund Freud, die als Begründerin der Kunsttherapie angesehen werden kann, wie Dr. Werner Weishaupt, Präsident des Verbandes Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater zur Eröffnung der Ausstellung „Aspekte“ im Nienhagener Großen Ratssaal erklärte.
Rund 66 Arbeiten von 25 Studierenden, Absolventen und Dozenten des Instituts für Kunst und Therapie Potsdam (IFKTP) als Aus- und Weiterbildungsakademie für künstlerisch, pädagogisch, therapeutisch und medizinisch interessierte Personen werden im Rathaus gezeigt. Damit knüpfe die Gemeinde an die Tradition, regionale Künstler zu fördern, wie Bürgermeister Klaus Gärtner sagte, der die Arbeit Alexander B. Schadows, Geschäftsführer des ortsansässigen Instituts, als „wertvoll“ erachtet.

Zielt die Kunsttherapie wie jede Psychotherapieform darauf ab, „dem Menschen seine innere Ganzheit unmittelbar erfahren“ zu lassen, wie Dr. Weishaupt referierte, so ist es Sinn der Weiterbildung, sich, die Farben und Materialien auszuprobieren.

Das haben die Beteiligten getan. In Öl, Pastellkreide, Mischtechnik, Tinte oder Acryl fertigten Diplom-Pädagogen, Fachärzte für Psychiatrie, ehemalige Lehrerinnen, Lehrstuhlinhaber und andere mit oder ohne künstlerischen Vorkenntnissen Werke ganz unterschiedlicher Prägung und Ausdruckskraft.

Figürlich oder geometrisch exakt, gegenstandslos oder experimentell, Linolschnitt, Grattage, Monotypien oder Beton — möglich ist, was machbar ist.

Mal ist es das Thema Frauen, wie bei Ines Quastenberg (Salzwedel), mal Hans-Christian Andersen bei Bernd Freppon aus Frankfurt am Main.

Dass drei Bilder fast im stillen Kämmerlein verschwunden wären, die Frauenakte von Elena Röther, Präsidentin des Verbandes Deutscher Kunsttherapeuten (VDKT), erinnert an Michelangelo und sein „Jüngstes Gericht“. Entblößte Busen, ein frecher Hintern — wo sind wir, dass die Kunst wieder Schranken hat? Das haben sich auch Schadow und der Bürgermeister gefragt. Ergebnis: die Damen dürfen bleiben.

Öffnungszeiten: montags bis freitags, 8 bis 12 Uhr, dienstags und donnerstags, 14 bis 17.30 Uhr, an den Wochenen­den, 9. und 10. und 16. und 17. September, von 13 bis 18 Uhr.